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Berlin, die "aufgebrochene" Stadt

Ein Reisebericht von Michael Mahlke

Abbildung: Berlin im Aufbruch - Foto: Michael Mahlke

Eindrücke einer "aufgebrochenen" Stadt

Ein Reisebericht von Michael Mahlke

Berlin ist eine Stadt, die viele Grenzen hatte und jetzt keine mehr. Berlin ist eine Weltstadt, weil sie Menschen aus der ganzen Welt in ihren Bann zieht. Berlin ist eine Baustelle, die nicht enden will. Und Berlin ist auf dem Weg in eine neue Zeit.

Ich glaube, dies sind die ehrlichsten Eindrücke dieser "Stadt". Berlin definiert in Deutschland den Begriff der Stadt neu, Berlin wird eine Megalopolis, eine nicht mehr beherrschbare Region. Es kommen einfach zu viele Menschen auf Besuch oder weil sie bleiben wollen.

Abbildung: Touristen am Brandenburger Tor - Foto: Michael Mahlke

Wo ist die Mitte von Berlin?

Ich habe jeden Tag in der Strassenbahn, dem Bus oder der S-Bahn Menschen aus Berlin gefragt "Wo ist das Herz von Berlin?" und wenn es Antworten gab, dann waren diese total verschieden. Eine Berlinerin sagte mir, "Sie müssen sich Berlin vorstellen wie das Ruhrgebiet." Das war es also.

"Das Ruhrgebiet ist mit über fünf Millionen Einwohnern und einer Fläche von etwa 4.435 Quadratkilometern der größte Ballungsraum Deutschlands und der fünftgrößte Europas" (Quelle: wikipedia).

"Berlin ist mit 3,4 Millionen Einwohnern die bevölkerungsreichste und flächengrößte Stadt Deutschlands, sowie nach Einwohnern die zweitgrößte und nach Fläche die fünftgrößte Stadt der Europäischen Union. Das Gebiet Berlins ist unterteilt in 12 Bezirke und wird von den Flüssen Havel und Spree durchquert" (Quelle: wikipedia). Berlin hat knapp 900 Quadratkilometer Ausdehnung.

Schon diese beiden Aussagen aus zwei verschiedenen Wikipedia-Artikeln zeigen, wie unterschiedlich man Berlin sehen kann. Um Berlin aber gerecht zu werden muß man sich fragen, was macht die Eigenart dieser Region und Stadt aus?

Dabei habe ich eines festgestellt. Das politische Berlin, also der Regierungsbezirk, hat irgendwie fast nichts mit dem anderen Berlin zu tun. Es scheint einerseits eine Art Regierungssitz mit drumherum gelagerten Medien zu geben und andererseits die Welt der Menschen, die versuchen, in einer globalisierten Welt ihren Weg mit den deutschen Bedingungen zu gehen. Aber mir schienen es Parallelwelten zu sein.

Abbildung: Berlin - Dynamik pur - Foto: Michael Mahlke

Die Dynamik von Berlin

Berlin ist Dynamik pur. Wenn es ein Kennzeichen für Berlin gibt, dann ist es die Veränderung. Aber dies ist zunächst einmal wertneutral, weil es viele Licht- und Schattenseiten gibt. Sehr sichtbar wird die Dynamik bei der Betrachtung vieler Strassen in vielen Stadtteilen. Hier geht es nicht nur um Geld, hier geht es auch um Lebensentwürfe.

Bis 1989/90 bestand die Stadt aus zwei Teilen. Danach gab es eine Öffnung, es gibt die Neugestaltung und es gibt den Versuch der Verschmelzung.

Es entstand natürlich auch ein neues Regierungsviertel und es wird auch heute noch unglaublich viel gebaut und renoviert.

Aber vor allem ist Berlin ein Magnet für Menschen. Alle Altersgruppen, selbst die Schwaben, fühlen sich von Berlin angezogen. Und in Berlin verteilen sich die Menschen neu.

Abbildung: Lebensentwürfe prallen aufeinander - Foto: Michael Mahlke

Abbildung: Auf dem Alexanderplatz - Foto: Michael Mahlke

Abbildung: Kreuzberg - wunderschön geworden - Foto: Michael Mahlke

Kreuzberg wurde wunderschön

So erlebte ich in Pankow die Vorbereitung auf die künftige Ruhezone Berlins. Noch fliegen dort täglich Flugzeuge her, die in Tegel landen. Doch dies soll aufhören und dann ist in Pankow Ruhe.

Kreuzberg hat sich zu einem der schönsten und attraktivsten Stadtteile Berlins im Innenstadtbereich entwickelt und der Prenzlauer Berg ist ein Zentrum der internationalen Besucherströme und Immobilienveränderer geworden.

Die Überfüllung

Fährt man mit der M1 Richtung Eberswalder Strasse und entdeckt entweder den Prenzlauer Berg oder die Hackeschen Höfe, dann erlebt man eine nicht enden wollende Flut von Lokalen, Läden und Menschen.

Es gibt eine ungeheure Mischung. Englisch ist Hauptsprache. Ob jung oder alt, hier sind unendlich viele Menschen anzutreffen.

Aber man spürt auch die Endlichkeit des inneren Bereiches. Wenn man über die Grünflächen in Berlin spricht, dann ist nicht wenig Stolz in den Worten von vielen Berlinern "Wir haben viel Grün". Bis ich antwortete "Ja, aber nur für ein bis zwei Millionen Menschen, nicht für vier und mehr Millionen." Und dies scheint mir ein wichtiges Kennzeichen zu sein: die Überfüllung.

Abbildung: Menschen im Prenzlauer Berg - Foto: Michael Mahlke

Abbildung: Vielfalt in Berlin im Spiegel der Scheiben - Foto: Michael Mahlke

Berlin ist Babel

In Berlin gibt es eine babylonische Sprachverwirrung. Neben dem KADEWE fragte ich einen Parkbankbenutzer, der seinen Lebensmittelpunkt offenkundig dort hatte, welche Sprache er denn hier am meisten hört. Er antwortete ohne zu zögern "Spanisch".

Am Prenzlauer Berg ist Englisch die primäre Sprache und danach kommt das Schwäbische. Es ist bemerkenswert, wie wohl sich englisch sprechende Menschen in Berlin fühlen.

Wechselt man in die äusseren Bezirke, dann ändern sich die Sprachen. Ukrainisch und Russisch sind dann stark vertreten.

Im Regierungsviertel um den Hauptbahnhof wird primär deutsch gesprochen.

Man könnte darüber hinaus schon auf den Gedanken kommen, wäre Berlin nicht Hauptstadt, so wäre diese Stadt wohl der grösste Problemfall Deutschlands.

Abbildung: Berlin Prenzlauer Berg - Foto: Michael Mahlke

Abbildung: Blick in die Welt - Foto: Michael Mahlke

Berlin befreit

Berlin stand immer für die "Freiheit" aus Sicht des Westens. Das "befreite" Berlin lebt jetzt diese Freiheit. Offenkundig werden in der Anonymität der Großstadt oder/und der alles anbietenden und keine Grenzen kennenden Stadt viele Freiheiten erlebt.

Aus einem Gespräch im Kaffee zwischen zwei Frauen, die wohl aus Bayern oder Österreich stammten. "Weißt Du, ich will mich von meinem Mann trennen. Die Kinder sind groß aber ich weiß nicht, ob ich das soll. Oder soll ich mir einen Freund suchen." Darauf antwortet die andere: "Ich hatte auch mal einen Freund nebenbei. Das ist nur solange reizvoll wie du noch mit deinem Mann zusammen bist. Sobald du ihn verlassen hast, spielt das keine Rolle mehr. Aber du hast nur ein Leben. Und du hast das Recht, dein Leben nach deinen Vorstellungen zu leben." Die erste Frau: "Aber ich habe Schuldgefühle, wenn ich ihn verlasse und er wird leiden." Darauf die andere: "Wenn du bei ihm bleibst, zahlst du drauf."

Danach unterhielten sich die beiden, die in Führungspositionen zu sein schienen, darüber, dass man als Führungskraft keine Rücksicht nehmen darf auf die Belange der Mitarbeiter. Man werde akzeptiert, weil man hart gegenüber allen sei.

Nun denn, es war schon bemerkenswert, im Kaffee zu sitzen und sichtbar zu erleben, dass ein solches Gespräch geführt wurde, obwohl eindeutig drumherum zugehört werden konnte, weil die Räumlichkeit so war.

Abbildung: Im Stil der 60er Jahre - Foto: Michael Mahlke

Zwischen Iphone und Schlafplatz

Dies ist eine Art der Befreiung in Berlin. Sieht man sich die Mengen an Menschen an, die sich auf die Suche begeben, dann frage ich mich, was sie suchen. Suchen sie die "Kommune 1" oder sind sie weiter oder woanders?

Der Eindruck entsteht, wenn man sieht, wieviele junge Menschen hier systematisch leben mit den Accessoires der 60er und 70er Jahre. Selbst Restaurants entdecken die hier noch vorhandenen Möbel dieser Zeit als Einrichtungsgegenstände wieder. Besonders gelungen ist dies im Restaurant "Hanswurst" im Bezirk Prenzlauer Berg, das wie kaum ein zweites den Wandel darstellt. Es lohnt sich.

Doch es gibt auch die umgekehrte Befreiung. Die neuen Statussymbole wie i-phone etc. können hier frei genutzt werden in den Umgebungen, die dafür vorgesehen sind. So wurde ein Restaurantstandort ausgewählt mit der Frage "Haben Sie ein Ladegerät für mein Iphone?"

Aber die Gegensätze könnten nicht grösser sein. Der eine braucht etwas für sein Iphone, der andere hat keinen Platz zum Schlafen.

Abbildung: Schlafen auf der Strasse - Foto: Michael Mahlke

Abbildung: Park in Berlin Pankow - Foto: Michael Mahlke

Pankow und Co

Ich habe im Bezirk Pankow gewohnt. Direkt am Bürgerpark Pankow verlief die Mauer, so dass man hier auch an jeder Ecke Geschichte sehen kann und hier lebten die wichtigsten ostdeutschen Politiker abgeschirmt in Stadtvillen.

Von Pankow bis in die Innenstadt fährt die Tram, die Strassenbahn. Spricht man dort die Menschen an oder fragt man oder man sitzt nur in der Tram, fast sofort beginnen die Gespräche. Es herrscht eine unbändige Freundlichkeit und Neugier.

Da Pankow aus verschiedenen Ortsteilen besteht wie Prenzlauer Berg und Pankow selbst und die Schwelle zwischen ehemals West- und Ostberlin darstellt, ist hier automatisch ein Ort der Übergänge, Abgrenzungen und der Geschichte.

Doch nähert man sich dem Kurfürstendamm verstummt dies alles. Ich fühlte mich eher an andere anonyme Städte erinnert. Bei Fragen im Bus kamen Antworten wie "Ich arbeite hier nur, ich weiss nicht". Man spürte eine ungeheure Hektik. Die Vögel auf den Bäumen waren weitaus kontaktfreudiger und neugieriger in diesem Bereich.

Abbildung: Berliner Mauer - Foto: Michael Mahlke

Abbildung: Die Vögel waren kontaktfreudiger als die Menschen - Foto: Michael Mahlke

Abbildung: Verkehr in Berlin - Foto: Michael Mahlke

Berlin ist rauher

"Berlin ist rauher und härter", sagte mir eine in Köln lebende Frau, mit der ich in Berlin zufällig ins Gespräch kam. Ich fragte sie, warum sie denn nicht in Köln bleibt, sondern so gerne nach Berlin fährt. "Na, in Berlin ist eine unglaubliche Veränderung. Hier ändert sich ständig alles."

Berlin ist wohl der Lebensversuch nach dem Scheitern zweier Ideologien. Weil es keine Antworten mehr gibt, ist Berlin einer der Versuche danach

Abbildung: Luft und Lärm in Berlin - Foto: Michael Mahlke

Berliner Luft

Ja, die Berliner Luft. Das sieht nicht so gut aus. "Flächendeckende Überschreitung des vorläufigen Richtgrenzwertes 2010", so lautet das Fazit im Bereich Feinstaub (PM10) auf der Internetseite der Stadt Berlin.

Aber was heisst das schon in Europa? Wie schreibt Dietmar Bittrich über den Arc de Triomphe in Paris: "Seit einiger Zeit wird hier täglich eine Schadstoffkonzentration gemessen, die laut Weltklimarat selbst beim Tragen von Atemmasken das Leben gefährdet." (aus: 1000 Orte, die man knicken kann)

Insofern ist man in Berlin ja noch gut dran.

Wer die Welt der Veränderungen schnuppern will, der sollte Berlin besuchen. Vieles, was ausserhalb des Regierungsviertels war, hatte den Duft der Veränderung. Viele Menschen in Berlin spiegeln den Beginn einer neuen Zeit. Wenn man dort ist, merkt man es und wird oft genug ein Teil davon...