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Ein bisschen Mallorca

Ein Reisebericht von Michael Mahlke

Abbildung: Strasse, Fahne, Land und Meer auf Mallorca - Foto: Michael Mahlke

Wer mit der Buslinie 104 von Palma nach Andratx fährt, kann sich mehr als eine Stunde lang eine der grossen Partymeilen der Welt anschauen. Die auf der Strasse festgeschraubten Bremsschwellen werden von dem Busfahrer dabei so geflissentlich mit Hochgeschwindigkeit überfahren, dass das Wort Rückschlag eine völlig neue Bedeutung bekommt und als Rückenschläge spürbar wird.

Dabei kommt man bestimmt nicht auf die folgenden Gedanken:
„Denn was den Wert des Reisens ausmacht, ist die Angst… Es ist nicht mehr möglich zu mogeln, sich hinter Büro- oder Farbrikstunden zu verschanzen (diese Stunden, gegen die wir so laut aufbegehren und die uns so zuverlässig vor dem Schmerz des Alleinseins beschützen)….Die Reise nimmt uns diese Zuflucht. Fern von unseren Angehörigen, fern von unserer Sprache, all unserer Stützpunkte verlustig… befinden wir uns völlig an der Oberfläche von uns selbst…. Wir sind für alle Gaben empfänglich, und der gegensatzreiche Rausch, den zu erfahren uns vergönnt ist.., ist nicht zu beschreiben.“

Als Albert Camus dies schrieb, gab es die Buslinie 104 noch nicht und die Küste war noch keine Kirmes von Palma bis Andratx. Aber vielleicht war die Kirmes ja die Antwort auf die Beobachtung von Camus mit ihren „Stützpunkten“ von zu Hause bei Essen und Trinken, mit den Ablenkungen, um die Beschäftigung mit sich selbst zu vergessen und der Chance, die Dinge zu entdecken, die uns in Form von Plastikerinnerungen die Kauffreude heben sollen.

Abbildung: Mallorca bis zu den Fußsohlen - Foto: Michael Mahlke

Abbildung: Blick auf das Landesinnere von Mallorca - Foto: Michael Mahlke

Mallorca ist die Insel Europas. Fast von allen Städten nördlich der Alpen kann sie in 2 bis 3 Flugstunden erreicht werden. Während das nördliche Europa das Wasser der Welt erhält, bekommt der Reisende auf Mallorca die Sonne, die so sehnsüchtig erwartet wird.

Überhaupt die Sonne! „Es ist auf der Welt viel Ungerechtigkeit anzutreffen, doch gibt es eine, von der nie gesprochen wird, und zwar die des Klimas.... Obwohl ich in einem Arbeiterviertel als Kind armer Leute zur Welt gekommen bin, wußte ich nicht, was wahres Unglück bedeutet, ehe ich unsere seelenlosen Vorstädte kennenlernte. Selbst die größte Bedürftigkeit der Araber kann nicht damit verglichen werden, denn der Himmel ist anders.“

Vielleicht ist dieser Gedanke von Camus ein Richtungsweiser für eine Antwort, warum Mallorca so beliebt ist. Ein Flug in die Sonne.

Mallorca heute ist auf kleinem Raum die Verkörperung der grossen Welt. Es ist die europäische Ausgabe anderer asiatisch-indischer Zufluchtstätten von Menschen, die etwas von dem finden wollen, was sie in ihrem täglichen Leben nicht finden.
Am Strand und in den Hotels sind Russisch, Französisch, Italienisch, Deutsch, Spanisch und Englisch allgegenwärtig.

„Es gibt eine Tatsache, die das öffentliche Leben Europas in der gegenwärtigen Stunde – sei es zum Guten, sei es zum Bösen – entscheidend bestimmt: das Heraufkommen der Massen zur vollen sozialen Macht…. Wir nähern uns dieser historischen Erscheinung vielleicht am besten, wenn wir uns auf eine visuelle Erfahrung stützen und einen Zug der Zeit herausheben, der mit den Augen zu sehen ist. Es ist leicht aufzuweisen, wenn auch nicht leicht zu analysieren; ich nenne ihn die Tatsache der Anhäufungen, der Überfüllung. Die Städte sind überfüllt mit Menschen, die Häuser mit Mietern, die Hotels mit Gästen, die Züge mit Reisenden… Was früher kein Problem war, ist es jetzt unausgesetzt: einen Platz zu finden.“

Dies wurde nicht unter dem Eindruck eines Urlaubs auf Mallorca geschrieben sondern in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts von Jose Ortega y Gasset.

Dabei wusste er noch nicht, dass seine Wahrnehmungen erst der Anfang waren. Aber er war einer der klügsten philosophischen Köpfe Spaniens im 20. Jhrdt.

Abbildung: Traumhafter Blick auf das Meer - Foto: Michael Mahlke

Abbildung: Palma zwischen Bus und Postkutsche - Foto: Michael Mahlke

Seine Erfahrung wird ergänzt durch das sinnliche Erleben des Flughafens von Palma. Als Teil gelebter Masse kann man sich als lebendes Gepäck in einer Transportmaschine erleben.

Besonders bemerkenswert ist die Busallee am Flughafen. Sie wissen nicht, was das ist?

Wenn Sie eine Pauschalreise gebucht haben, dann werden Sie diese dort kennenlernen. Sobald Sie den Flughafen verlassen kommen Sie an den Busparkplatz. Dort warten oft etwa 100 Busse rückwärtig eingeparkt mit laufendem Motor.

Freundlich brummend werden sie von den Dieselschwaden ohne Rußpartikelfilter begrüsst. Je nach Wartezeit kann man seinen Lungen dieses Erlebnis mehr als eine Stunde zumuten. Wie gut nur, dass manchmal ein Windstoß die Verteilung etwas reduziert.

Spätestens hier merkt der sensible Mensch, dass er vor der Welt nicht flüchten kann sondern Mallorca ihn als Zeitgenossen begrüsst mit allen zivilisatorischen Errungenschaften, mit Licht und Schatten.

Doch es gibt auch die andere Seite. Plötzlich steht am frühen Morgen in der Nähe der Kathedrale eine Kutsche mit einem Pferd - ein Bild wie gemalt.

Abbildung: Unter Palmen in Palma - Foto: Michael Mahlke

Abbildung: Am Yachthafen in Palma bei Morgendämmerung - Foto: Michael Mahlke

Palma kann man nur verstehen, wenn man begreift, dass (pauschal gesagt) die Spanier hier Kultur haben. Die spanische Kultur zeichnet sich durch das Annehmen des Lebens aus. Camus spricht von den Stunden in den Schenken und in den Klostern, von der Liebe zum Leben, die es so nimmt, wie es ist.

In Palma kann man es spüren, wenn man hineingeht und nicht draussen bleibt. In Palma lebt man auf dem heissen Stein. Palma ist die sinnliche Inkarnation. Palma riecht nach Menschen, Enge und Hitze, sie zeigt unter der Sonne des Südens uns unsere Träume. Palma zeigt die Grenzen des Kaufbaren, die Brücken der Kunst und die Wahrheit der Welt in der Sinnlichkeit des Augenblicks.

Diese Sinnlichkeit gilt es dabei in der Menge und ohne die Menge zu entdecken. Die Sinnlichkeit kann man nur erleben, wenn man Licht und Schatten spürt, Lärm und Ruhe.

„Jeden Tag verließ ich diesen Kreuzgang, gleichsam mir selber entrückt, für einen kurzen Augenblick eingefügt in die Dauer der Welt.“ So beschreibt Albert Camus seinen Ort der Ruhe im Kloster Sant Francesc, mitten in Palma.

Schroffe hohe Mauern am Plaza de San Francesc schützen das Wertvollste (die Ruhe), bevor man durch eine wunderbar ziselierte Tür den Vorhof des Klosters betritt.

Es ist eine wunderschöne Erfahrung dort auf einer alten Holzbank zu sitzen und die lateinischen Gebete aus den Fenstern zu hören. Es gehört zum Respekt, die dort anzutreffenden Menschen mit „Buenos Dias“ und ohne Kappe zu grüssen.

Abbildung: Kloster Sant Francesc Kreuzgang - Foto: Michael Mahlke

Abbildung: Danke Mallorca - Foto: Michael Mahlke

Ich habe mich sehr gefreut, mehr als 50 Jahre nach Camus diese Ruhe hier immer noch zu finden. Es ist ein Geschenk der Menschen, die hier leben.

Und auch ich fühlte mich nach gut zwei Stunden im Innenhof einen kurzen Moment eingetragen in die Ewigkeit der Welt...

Danke Mallorca!