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Insel Symi

Insel Symi, Griechenland – von Erzengeln, Schwammtauchern und Rückkehrern

ein Reisebericht von Dr. Uwe Junker

Abbildung: Symi - Hafenbucht - Foto: Dr. Uwe Junker

Sandstrände fehlen – diese Tatsache hält manche Touristen von einem längeren Besuch der Insel ab. Oder er rauscht nach einem Tag in der gleichnamigen Hafenstadt gleich wieder ab, wenn er dieses Juwel neoklassizistischer Architektur erforscht und in meist zahlreichen Fotos festgehalten hat.

Doch kleine, zumeist stille Buchten flankiert von dramatischen Klippen gibt es in Hülle und Fülle. Dem geduldigen Wanderer erschließt sich nicht nur ein reizvolles Hinterland mit Pinien- und Zypressenwäldern.

Er wird mit dem Kloster Panormitis auch eine der bedeutendsten Wallfahrtsstätten Griechenlands kennenlernen und zudem erfahren wie die Weltgeschichte diesem kleinen Eiland interkontinentale Verbindungen bescherte.

Abbildung: Symi - Blick auf die Bucht - Foto: Dr. Uwe Junker

Impressionen aus Panormitis

„Kein Weg ist länger und schöner als die 17 km lange Wanderung von der Stadt Symi zum Kloster Panormitis“, schreibt die amerikanische Reisejournalistin Patricia Schultz in ihrem Buch „1000 Places tot see before you die“. Stimmt – auch in umgekehrter Richtung. Wie die meisten Touristen sind wir am Morgen vom Mandraki-Hafen auf Rhodos mit dem Schiff gen Symi aufgebrochen.

Nach knapp zwei Stunden erreichen wir das Kloster Panormitis, nach dem Kloster des Evangelisten Johannes auf der Insel Patmos die bedeutendste Wallfahrtsstätte der griechischen Ägäis. Der weitläufige Klosterkomplex von Panormitis liegt versteckt am Ende einer tief eingeschnittenen, von Berglandschaft umschlossenen Bucht und entzieht sich somit neugierigen Blicken Vorüberfahrender. Ein paar Ziegen auf den Anhöhen, eine Windmühle dem Meer zugewandt, ein Fischer der seine Netze flickt, der alles überragende Kirchturm in rhodischem Barock, der uns mit ehrwürdigem Geläut empfängt – erste Eindrücke eines beschaulichen Idylls, das jäh zerstört wird, als das Schiff seine multinationale Touristenfracht entladen hat. Hektische Betriebsamkeit der Reiseleiter, die mit Hilfe unterschiedlich eingefärbter Sonnenschirme zur besseren Orientierung das babylonische Stimmengewirr der ihnen anvertrauten Schäfchen ordnen, bestimmt für die nächsten 45 Minuten das Bild.

Geschäftiges Treiben im engen, weiß gekälktem Klosterhof genau so wie in der prachtvollen Kirche: Touristen unter Zeitdruck kollidieren mit Gläubigen, die die eindrucksvolle Ikone des wundertätigen Erzengels Michael küssen wollen. Wie ein strahlender wagnerianischer Held steht er da breitbeinig auf dem durch einen Drachen symbolisierten Tod, in der rechten Hand sein Schwert in Siegerpose erhoben, in der linken einen Vogel als Metapher für die gerettete Seele. Gebete werden gemurmelt, kleine Wunschzettel geschrieben und zur „Erledigung“ in der Kirche hinterlassen.

Oft müssen diese Wünsche in Erfüllung gegangen sein; denn anders wären die wertvollen Geschenke wohl kaum zu erklären, die in einem kleinen Museum in einer Ecke des Klosterhofs ausgestellt sind, darunter chinesisches Porzellan und Schnitzereien aus Elfenbein.

Abbildung: Klosterkirche - Foto: Dr. Uwe Junker

Abbildung: im Kloster - Foto: Dr. Uwe Junker

Abbildung: Blick auf den Ort Symi - Foto: Dr. Uwe Junker

Das Bedürfnis nach Stille und Zweisamkeit gepaart mit dem Wunsch jenen 17 km langen Bergpfad zum Hauptort Symi zu bewandern, veranlasst uns zu dem spontanen Entschluss, im Kloster zu übernachten. Gestärkt durch einfache, aber dennoch schmackhafte Mahlzeiten und erholsamen Schlaf in einem der geräumigen, recht behaglichen Zimmer brechen wir am nächsten Morgen nach dem Frühstück und einer Spende mit ausreichend Trinkwasser versehen auf: Zerklüftete, zeitlose Felslandschaft, scheue Ziegen, blühende Wildblumen und prächtige Ausblicke.

Der Ort mit seinen die Berghänge empor kletternden Häusern mag zunächst an die eine oder andere Kykladeninsel erinnern. Doch der zweite Blick erkennt vornehme, neoklassizistische Elemente italienischer Prägung. Historischer Grund für diese griechisch-italienische Mixtur ist wie so oft einer jener ebenso überflüssigen wie blutreichen Konflikte europäischen Machstrebens: Die Bewohner Symis waren durch die Schwammtaucherei vor den Küsten Lybiens zu Wohlstand gelangt, als politisch ultrarechte Kräfte Italien im Spätsommer 1911 Krieg mit der Türkei veranlassten. Armut, Rückständigkeit im Vergleich zu den anderen europäischen Ländern und von der Regierung gewaltsam unterdrückte Proteste hatten von 1901-1911 ca. 1,6 Millionen Italiener zur Emigration nach Südamerika und in die USA veranlasst. Um diese Auswanderung zu unterbinden, beschloss die italienische Regierung, die zum damaligen osmanischen Reich gehörigen Provinzen Tripolitanien und Cyrenaika zu erobern.

Bilanz dieses einjährigen Krieges: !500 gefallene italienische Soldaten, 4500 osmanische, fast 15.000 getötete arabische Zivilisten, Abtretung Lybiens, der dodekanischen Inseln – und damit auch Symis - an Italien. Nun fand der zwar einträgliche, aber ebenso zeitaufwändige wie lebensgefährliche Broterwerb des Schwammtauchens also unter italienischer Schirmherrschaft statt. Die neuen Herren erhöhten die Steuern in einem solchen Maße, dass sich für viele griechische Familie die Existenzfrage stellte. Eine weitere Migrationswelle war die Folge, die viele Symianer z. B. nach Tarpon Springs in Florida, USA oder Melbourne, Australien spülte.

Für Jahrzehnte war Symi mit Ausnahme des Klosters dem Verfall preisgegeben. Die zurückgebliebenen Alten lebten in relativer Armut von Fischfang und spärlicher Landwirtschaft.

Abbildung: Impressionen - Foto: Dr. Uwe Junker

Abbildung: Impressionen aus Chorio 1 - Foto: Dr. Uwe Junker

Lebensfreude

Heute aber spürt man als Besucher zukunftsträchtige Lebensfreude. Die Häuser, die die Hafenbucht „Gialos´ zu allen Seiten säumen sind gekonnt restauriert, die netten Tavernen gut besucht. Wir wollen auch Chorio, die alte Oberstadt mit ihren flügellosen Windmühlen und rudimentären Resten einer Johanniterfestung hoch oben erforschen.

Der Weg hinauf trägt den Namen „Kali Strata“, die gute Straße, eine verharmlosende Wortspielerei; denn mit seinen mehr als 400 Stufen ist er bei sommerlichen Temperaturen durchaus anstrengend – doch unbedingt lohnend. Sei es wegen schöner Bauten wie z. B. der beiden Kirchen Agia Triada und Agios Panteleimos mit ihren kieselsteingepflasterten Höfen oder der klassizistischen Gemeindeapotheke oder einfach nur wegen immer neuer prächtiger Panoramablicke auf Stadt und Bucht. Auch in den Gassen hier oben wird mit viel Liebe zum Detail manches Haus engagiert restauriert.

Beim Abstieg rasten wir in einer kleinen Taverne unter Schatten spendenden Weinranken, am Nachbartisch unterhält sich ein Paar mittleren Alters in Englisch mit breitem Akzent. Wir rätseln- Australier? Tatsächlich- die Geschichte Symis erreicht uns „live“: Joe und Mary erzählen, dass sie zu jenen Rückkehrern aus Melbourne gehören, die mittlerweile Symi im europäischen Sommer bevölkern und die Häuser ihrer Vorfahren als geschmackvolle Feriendomizile herrichten. Mit dem Wirt verständigen sich die Beiden problemlos in griechischer Sprache, als Susan, eine Amerikanerin, sich kurz zu uns gesellt, wird wieder englisch gesprochen- eine Rückkehrerin zu den Wurzeln ihrer Familie auch sie.

Wir müssen zurück, am späten Nachmittag soll unser Schiff nach Rhodos ablegen, die Mitarbeiterin eines Juweliers am Hafen hält uns auf, preist ihre durchaus ansprechende Ware an. Die ganze Bucht ist in dieses typische weiche ägäische licht des späten Nachmittags getaucht, in dem die klassizistischen Häuser wunderbar leuchten.

Wollen wir wirklich schon hier weg? Fast im letzten Moment entdecken wir während des nicht versiegen wollenden Redeschwall der Juweliersangestellten rechts des Ladens eine Treppe, die sich zu einer großen Dachterrasse hinauf windet, unten ein Schild mit der Aufschrift „apartment to rent“. Die Dame folgt unserem Blick und wittert ein anderes Geschäft: Eine der schönsten Unterkünfte im Ort sei das, zur Zeit frei, wenn wir bleiben wollten, würde sie uns für eine Nacht einen guten Preis machen, es sei ja schließlich noch Vorsaison.“ Eine halbe Stunde später sitzen wir auf eben dieser Terrasse und sehen „unser“ Schiff ablegen – Glück gehabt – die Rückkehr in den organisierten Tourismus kann warten.

Abbildung: Impressionen aus Chorio 2 - Foto: Dr. Uwe Junker